Ein erstes Kennenlernen… zu Fuss und hoch zu Bike

Vor knapp zwei Wochen bin ich in Mailand in ein Flugzeug gestiegen, das mich in mein neues Leben gebracht hat. Der Abschied war nicht einfach, ich habe mein Blick jedoch nicht zurückgewandt sondern mich auf das fokussiert, was kommen mag. Und unterschiedlicher hätte das wohl nicht kommen können. Obwohl, zwei Konstanten sind gleich geblieben: Ich habe nach wie vor Berge, wohin das Auge auch reicht. Und ich habe mein Fahrrad – zwei Fahrräder nun, um genau zu sein.

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Bubiòn, das 300-seelen Bergdorf in welchem ich gestrandet bin, ist eines der höchstgelegensten Dörfer in der Region La Alpujarra am Fusse der Sierra Nevada. La Alpujarra ist vor allem für die Ruhe und ihre wundervolle Natur bekannt. Sie ist in verschiedene Täler unterteilt, in denen überall an den Hängen die typischen weissen Dörflein kleben.

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Die Blumen blühen in knalligen Farben – pink, gelb, rot, violett – nicht nur am Boden; ganze Sträucher, Bäume und Kakteen erscheinen im verschiedensten Farbkleid. Und die duften… hmmmmmmmmmm!! Immer wieder fasziniert mich der Wilde Mohn, der hier überall im sanften Wind sachte hin und her wiegt. Dank dem Regen von letzter Woche strahlen die Bäume in einem saftigen Grün, das teilweise schon fast an den Regenwald erinnert. Generell ist die Vegetation sehr unterschiedlich. Grüne Wälder mit Flüsschen, dann wieder karge, staubige Flächen und Pinienwälder, ganz viele davon – durch die man herrlich Fahrradfahren kann.

 

Momentan sitze ich gerade am Fusse unseres Tales an einem kleinen Fluss – reines Schmelzwasser direkt von der Sierra Nevada. Auch wenn es in den letzten Tagen immer wärmer, respektive sauheiss geworden ist, darin zu baden wäre dann doch etwas zu viel verlangt. Das gurgeln des Flusses, gepaart mit dem Zwitschern der Vögel beruhigt – gibt ein gutes Gefühl.

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Oh ja, Vögel. Noch nie habe ich so viele singen hören wie hier – unglaublich. Im Schornstein meines kleinen Ofens haben sich Mama- und Papa-Vogel ein Nestchen gebaut, wie auch im Dach meiner gedeckten Terrasse – von morgens früh bis abends spät haben die kleinen Piepmatze Hunger und halten ihre Eltern lautstark auf Trab. Und nicht nur die Vögel mögen die Alpujarra. Nein, Schmetterlinge in allen Grössen und Farben, Eidechsli – oder besser gesagt Felskrokodile, Hunde, Katzen, wilde Rösser, die einfach auf dem Weg stehen und es nicht einsehen dich und dein Fahrrad vorbei zu lassen, Schlangen, Schafe, die in riesigen Herden durch die engen Gassen getrieben werden. Und dann nicht zu vergessen: die Ziegen. Hier gehen die Hunde selber spazieren, wenn man jemanden mit einem Haustier an der Leine sieht, hängt kein Hund dran, sondern die Lieblingsziege. So bekommt man hier auch keinen Kuh-Käse, sondern nur Ziegen-Käse. Vielleicht mal Schafskäse zur Abwechslung. Ein Paradies also für mich.

 

Das Leben hier ist viel gesünder – lebendiger. Auch wenn nur 300 Menschen hier wohnen, hier ist mehr los als in der höchsten Hochsaison in Madulain. Die Leute leben, sprechen miteinander, treffen sich in den Bars. Und das lohnt sich auch. Denn für jedes Getränk, und ist es nur ein Wasser, kriegst du gratis ein Tapa – eine kleine Mahlzeit dazu. Anfangs hatte ich ja noch ein schlechtes Gewissen, denn für das Getränk zahlst du zwischen 1 und 2 Euro, und dann noch Essen dazu… Mittlerweile gehts… Das ist halt so. Auch dass man sich gegenseitig das Getränk (und natürlich die mit inbegriffenen Tapas) bezahlt, auch wenn man sich eigentlich gar nicht kennt. Nett gracias sagen und hoffen, dass man das nächste Mal schneller ist und auch mal eine Runde bezahlen kann.

 

Bubiòn ist nicht zu vergleichen mit dem Spanien, dass ich von Malaga her kenne. Hier gibt es kein Internet – wenn du Internet willst, musst du ins Teide – die Dorfbar, wo sich alle treffen und die WiFi hat. Und wenn du eigentlich nur kurz die Mails checken wolltest und dann früh ins Bett – nix da, schon sitzt da wieder jemand der oder die dich zum Getränk und einem Schwatz einlädt.

Sonst jedoch ist es sehr ruhig. Eine Woche lang hatten wir Gäste. Die eine Gruppe war eine Woche da. Tolle Leute von England und ein Finnisches Mädchen – es machte wahnsinnig Spass mit ihnen zu fahren.

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Auch wenn mich das Bergauf-Fahrradfahren sowas von sauer und aggressiv macht. Ich sehs nicht ein, wieso ich den Berg hinauf pedalieren muss, wenn man mich da auch hinauf fahren könnte. Grrrrrrr, naja.. Muss nunmal akzeptieren, dass dies nicht Downhill, sondern Enduro ist. Und es ist ja auch nur für eine bestimmte Zeit. Juni, Juli, September und Oktober. Das geht vorüber. So hört man mich dann jeweils bei den Trampelpassagen im hinteren Teil der Gruppe fluchen wie ein Rohrspatz und dann bei den Bergab-Passagen grinsend vorausflitzend. Oder als Besenwagen die Verletzten aufsammeln… Leider ist die coole Gruppe am Samstag nach Hause geflogen. Ich habe sie zum Flughafen nach Malaga gefahren – 2,5 Stunden Fahrt dorthin. Und da ich schon mal da war, habe ich mein DH-Bike mitgenommen und bin dort auf einen meiner geliebten Tracks fahren und springen gegangen. Es hat soooooooo gut getan auf meinem DH-Bike zu sitzen (auch wenn ich es den Berg hochschieben musste, da ich ja keinen Fahrer dabei hatte, der mich hätte hochfahren können).

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Gestern war dann noch der letzte Tag einer anderen Gruppe. Eher Idioten. Ich war froh, hatte ich gestern Fahrerdienst und musste mich nicht mit ihnen abquälen. Ich habe die Herren oben am Trail abgesetzt und bin sie dann einige Zeit später an einem anderen Ort wieder abholen gegangen. In der Zwischenzeit hiess es warten. So kam es, dass ich gut eine Stunde lang auf einem Steinbänkchen im Schatten eines riesigen Baumes gedöst und den Vögel beim Zwitschern zugehört habe. Herrlich! Warten, ohne vor Verlegenheit das Natel in der Hand zu haben und irgendwelchen unnötigen Blödsinn im Internet zu checken. Einfach sein, einfach Siesta, einatmen und ausatmen. Am Ende des Tages kam ich dann doch noch zu einer schönen Fahrt auf dem Local Track. Die Herren wollte mich herausfordern und schickten mich mit den Worten «Fahr nur als erste, so können wir dich etwas jagen» voran. Bis es dauerte keine zwei Minuten hatte sich der erste beim Versuch, an mir dran zu bleiben, das Schlüsselbein gebrochen… Upsala, würd ich da mal sagen… Unterschätze nie die Kitty-Power! 😀

Diese Ruhe tut gut. Und es tut gut nichts zu müssen und alles nur zu können. Bis Donnerstag ist nun wieder totale Ruhe eingekehrt. Keine Gäste, auch Michael ist weg, bei seiner Familie, die noch bis Ende Juni in Marbella ist. Vor allem nach der letzten Woche, die körperlich wirklich anstrengend war tut Yoga vor dem Frühstück, etwas wandern, schreiben und Trails reparieren gut. Die Ruhe gibt aber auch viel Platz nachzudenken. Ich bin froh, bin ich hier. Ich bin froh, dass ich mir diese Auszeit gönne. Aber gerade wenn ich ganz alleine bin, dann wird mein Herz schwer und eine Traurigkeit steigt in mir auf. Es fällt mir schwer, abzuschliessen. Ich vermisse Christian – die wundervolle Zeit die wir miteinander hatten. Dann denke ich, wie schön es doch wäre, gemeinsam mit ihm hier zu sein, diese wundervollen Erfahrungen miteinander zu teilen. Ich hätte so gerne noch mehr Erfahrungen mit ihm gesammelt, wäre gerne mit ihm gemeinsam alt geworden – nur sollte das wohl nicht sein. Ich muss lernen abschliessen zu können. Und dann richte ich mich auf, erinnere mich an was für einem wunderbaren Ort ich bin und was für ein Glück ich habe, einfach so hier zu sein.

 

Ich vermisse aber auch ein paar andere gute Menschen aus meinem alten Leben – die, die ich meine wissen es! Im August wird hier die Bike-Company geschlossen sein. Ich habe mich entschlossen, dann einen Trip rund um die Schweiz zu machen und dabei Bikeparks zu besuchen und drei Rennen zu fahren. Ich werde von Spanien aus in die Schweiz fahren, dann nach Deutschland – Österreich – Schweiz und danach wieder nach Frankreich in Richtung Spanien abdüsen. Noch ist nicht sicher, ob ich einen der Vans mit denen wir hier shutteln haben kann. Falls jemand was weiss: Bitte mir melden. Ich freue mich darauf, euch im August wieder zu sehen – euch in den Arm zu nehmen und zu drücken. Und für jeden oder jede der ein Stück auf meinem Roadtrip mitfahren will: Bitte ebenfalls melden.

 

Soviel zu meinen ersten Eindrücken. Viele werden folgen – einige davon werde ich euch in mehr oder weniger regelmässigen Abständen (sorry, funktioniere schon ziemlich spanisch) auf diese Weise zukommen lassen.

 

Hasta luego, amigos!

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