Zeit vergeuden…?

Unlängst bekam ich elektronische Post aus der westlichen Arbeiterwelt. Eine Verwandte, welche mit meiner Flucht, wie sie es so schön bezeichnete, nicht ganz einverstanden war. Ich solle doch um Himmels Willen mein Talent und vor allem nicht meine Zeit vergeuden. Es sei nämlich höchste Zeit, dass ich mich um meine Karriereplanung kümmere. Aha!

 

Ich las das e-mail, wurde erst wütend, danach stimmte es mich traurig und dann, nachdem ich es nochmals durchgelesen habe, hatte ich nur noch Mitleid mit der Verfasserin. Denn just ein paar Zeilen weiter unten schrieb sie, wie sehr sie gerne in meinem Alter nach Malaga ausgewandert wäre. Sie konnte nicht, da sie arbeiten musste. Und weil sie es nicht konnte, dürfen es andere auch nicht? Denn wie sie schrieb, haben wir Verantwortung, der wir nachkommen müssen. Einfach ausbrechen gehe halt nicht und, Achtung jetzt kommt der traurigste Satz, Freiheit existiere nun mal nicht. Autsch!

 

Ich soll meine Zeit also nicht verschwenden, da Freiheit eh nicht existiere. Und ja genau, die Karriereplanung… genau das habe ich vor einigen Jahren gemacht: ich habe auf Andere gehört, die damals genau das selbe gesagt haben. Ich habe mir einen «richtigen» Job gesucht und das «Flohnerleben» aufgegeben. Und wo hats geendet? Genau! Bei 39 Kilo Körpergewicht und einem viermonatigen Klinikaufenthalt. Das, liebe Verwandte, das war verschwendete Zeit!

 

Als ich gestern beim hochpedalieren (im Gegensatz zum Downhill, wo man sich nur konzentrieren muss, hat man bei den Uphillpassagen beim Enduro genügend Zeit um nachzudenken) über das e-mail der Verwandten sinnierte, traf ich bei der darauffolgenden Abfahrt auf eine passende Situation. In einer technischen, felsigen Kurve schaute plötzlich ein kleiner Hund ums Eck. Ich hielt auf den Felsen balancierend an und begrüsste den kleinen Strolch um zu merken, dass ihm zwei weitere Hunde, ein Hirt und ca 170 Schafe folgten. Mitten auf meinem Track!!! Kein Durchkommen – also kam ich mit dem Hirten ins Gespräch. Jeden Tag läuft er mit seiner Herde durch die Alpujarra. Tagein, tagaus! Ein schönes Leben, meinte der Hirt, aber auch hart. Ferien habe er erst, wenn der da oben ihn hole. Dann lachte er aus vollem Herzen. Verschwendet er seine Zeit?

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Freiheit existiert also nicht? Auch nicht für den Hirten? Oder nur für uns Arbeiterbienen nicht? Für mich war der heutige Tag voller Freiheit. Als ich ganz alleine, hoch über allen Dörfern durch den Spanischen Nationalpark pedalierte. Für mich existiert Freiheit, wenn ich dem Gurgeln des Flüsschens zuhöre, oder die Bienen und Vögel hier in der Alpujarra beobachte. Freiheit existiert, man muss sie nur sehen – oder besser gesagt, man muss sich Zeit nehmen sie zu sehen.

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Unter den vielen wundervollen Rückmeldungen auf diesen Blog hat eine liebe Person mir geschrieben, dass sie mich fast etwas beneide, dass ich mir die Zeit für diese Erfahrung nehme. Denn heuzutage, so schrieb sie, tun dies viele nicht einmal für kurze Zeit. Zeit für sich nehmen ist so eine Sache bei den Arbeiterbienen. So auch eine Rückmeldung einer anderen Person, die mich bat, mich bei meinen künftigen Blogeinträgen doch etwas kürzer zu halten, da er nicht so viel Zeit habe um zu lesen.

 

Wann habt ihr euch das letzte Mal richtig Zeit für euch genommen? Nur für euch! Etwas das euch gut tat? Tut es. Denn wer nur immer für andere und anderes lebt ist irgendwann alt und merkt, das er keine Geschichten hat, von denen er gerne erzählen würde. Dann merkt er oder sie: Hoppala, ich hab ja meine ganze Zeit vergeudet…

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2 Gedanken zu “Zeit vergeuden…?

  1. du bist die Beste … so schön alles Wichtige gesagt und du bist es am Leben! Zeit Verschwendung wenn wir nicht jeden Moment aus unserem Herz heraus Leben unsere Wünsche, Neigungen und Träume im Raum erleben. In vollem Bewustsein und Wachheit losgelöst von der Welten Ilusion …

  2. Danke für diese so tiefsinnigen Gedanken, Ideen und Erfahrungen. Freiheit ist das Recht, anderen zu sagen, was sie nicht hören wollen. G. Orwell

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