Ruhe nach dem I-Phone-Sturm…

Nein, ich kann mich einfach nicht dazu überwinden, mein kuscheliges, mit Kissen übersätes Bett zu verlassen. Ein Lüftchen dringt durch die geöffneten Fenster, lässt die Vorhänge leicht hin und her wiegen und erfüllt den Raum mit einer angenehmen morgendlichen Frische. Mama- und Papa-Vogel, die mein Kaminrohr als Nestplatz ausgewählt haben, scheinen beim Nachwuchsfüttern einen guten Job zu machen. Die Vögelchen gedeihen prächtig; ihr schwaches Baby-Vogel-Piepsen hat sich in ein nahezu erwachsenes Vogelpiepsen verwandelt. Lange wird es wohl nicht mehr gehen und meine Kaminvögelchen werden flügge. So liege ich da, drehe mich hin und her und denke nach. Eigentlich hätte ich ja Hunger, aber wie gesagt; ich kann mich einfach nicht überwinden.

 

Es ist Montag, endlich Montag, endlich wieder einmal Ruhe. Es war eine tolle Woche, ja wirklich (gut abgesehen von meiner «Freitag, der 13.-Odyssee»)! Aber es war ziemlich streng – körperlich. Deswegen liebe ich es, meinem Körper heute einfach einen gemütlichen Start zu gönnen; Bettwälzen und danach etwas Yoga und das Fahrrad einen Tag lang einfach einmal stehen zu lassen. (Aber nur einen Tag, denn ich höre es bereits jetzt schon wieder wimmern: Fahr mich!) Wie auch immer, Samstag war streng. 55 Kilometer mit über tausend Metern Höhenunterschied und das bei geschätzten Backofentemperaturen von einer Million Grad. Da war ich dann bei der gestrigen Tour schon etwas müde.

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Jedenfalls war die Gruppe unheimlich gut – kein Durchschnitt, nein nahezu Spitzenathleten (ich muss das jetzt schreiben, da ich weiss, dass sie diesen Blog ausspionieren). Eine lustiger Haufen jedenfalls. Verheiratete Engländer zwischen 24 und geschätzten 60; Finanzberater, Zahnarzt, Erfinder… wie gesagt, ein lustiger Haufen der bewies, dass das mit dem Erwachsenwerden definitiv ein Mythos ist. Falls jemand von euch im Lake District einmal einen zahnmedizinischen Notfall erleiden sollte – ich bin mit nicht sicher ob ich meine Zähne «The Dentist» anvertrauen würde…

 

Was bei dieser Gruppe jedoch ganz ausgeprägt war, wie abhängig die Herren von ihren Smartphones sind. Die Telefone waren immer dabei – gab es einen Ton von sich, wurde sofort geantwortet. Machten wir einen kleinen Kaffeestopp wurde als erstes einmal der WiFi-Code beim Gastgeber erfragt und zack, setzten sie ihr I-Phone-Face auf (Kinn, Augen und Mundwinkel nach unten auf das portable Gerät richtend). Nicht alle. «Das Telefon erinnert mich zu viel an die Arbeit», meinte einer der Älteren der Gruppe.

 

Und genau das ist es ja. Beklagt sich der Eine doch, dass er zu viel arbeite, in der Freizeit nur seine Kinder herum chauffieren müsse und deswegen keine Zeit für ausgiebiges Mountainbiken habe. Keine Zeit im Alltag – also muss er den Alltagsstress doch nicht auch noch in die Ferien mitnehmen. Telefon ausschalten! Einmal im Tag vielleicht soziale Kontakte checken: ok. Eine SMS an die Familie; ja ich habe heute nichts gebrochen und lebe noch: ok. Aber nein, sitzen wir doch nach ihrer letzten Tour gestern auf einer lauschigen Veranda mit Blätterdach und einer wunderschönen Aussicht bei einem Abschlussbier. Und  anstatt miteinander die tolle Zeit nochmals Revue passieren zu lassen, steckt die Hälfte der Gruppe ihre Nase wieder einmal in das Telefon. Sie hatten keine Augen für die felsigen Täler mit ihren speziellen Felsformationen, das zwei Wochen alte schwarze Kätzchen das vom Dach miaute oder die Blumen die an den Bäumen neben der Veranda wuchsen.

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Was erzählen sie ihren Frauen zu Hause, wenn diese fragen wie der Urlaub war? «Tolle Mountainbike-Routen, ja» Und sonst? «Etwas langsame Internetverbindungen, ja»…

Die westliche Gesellschaft schafft es einfach nicht mehr, nur zu sein. Zu warten, ohne nicht gleich das Telefon in den Fingern zu halten. Woran das wohl liegen mag? Sind sie von sich selbst so gelangweilt, dass sie sich nicht mal fünf Minuten lang aushalten? Kein Wunder drehen die Leute früher oder später durch, wenn sie unter ständiger Entertainment-Befeuerung stehen.

Deswegen tut ein Abstecher in die hiesige Pampa (ja das Nachbardorf heisst tatsächlich Pampaneira) den gestressten westlichen Arbeiterbienchen ganz gut. Denn gestern wurden die Herren gezwungen wurden ohne Internetzugang auf Luki, unseren Fahrer, zu warten. Plötzlich erkundeten sie die Gegend, pflückten reife Orangen von den Bäumen, mutmassten, welche Früchte nun an welchen Bäumen heranreiften (es waren Walnüsse, Mandeln und Kiwi, wie wir herausgefunden haben), kletterten, ruhten aus und mimten auf einem alten kleinen Bügelbrett im Rinnsal neben der Strasse den coolen Surfer. Und siehe da wurde die Generation I-Phone für einen kurzen Moment in die Zeiten des Kabeltelefons zurückversetzt, wo noch draussen gelebt und gespielt wurde. Geht doch!

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2 Gedanken zu “Ruhe nach dem I-Phone-Sturm…

  1. Busted!
    This is so true Enduro girl .
    Can’t sleep, riding switchbacks in my head…..
    Keep fighting the war

    Gnome 😉

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