Schublade auf, Nationalität raus, Schublade zu

Schubladisieren ist ja nun wirklich nicht mein Ding. Denn die Menschen sind viel zu kompliziert und zu verschieden, um sie alle in einen Topf zu werfen. Und doch ist es herrlich zu beobachten, wie sich die Stereotypen der verschiedenen Nationen, die ich hier treffe immer wieder bewahrheiten. Jeder Finne hat eine Sauna zu Hause, Norweger sind kühl, verschlossen und Fremden gegenüber sehr skeptisch, den Schweden bringt selten was aus der Ruhe und die Deutschen… ja die Deutschen sind halt deutsch… sehr oberflächliche und platte Aussagen? Ja, finde ich auch und doch wurden sie mir in den letzten zwei Tagen auf herrlichste Weise bestätigt.

Samstag gab es endlich wieder eine Frischfleischlieferung. Und entgegen dem gängigen Trend, Gäste aus Grossbritannien zu empfangen, besteht die momentane Gruppe aus drei Finnen und einem Schweden. Zudem hatte ich vorgestern das Vergnügen zwei echt nette Norweger durch die Hügel zu führen. Diese erklärten mir, dass es absolut verpönt ist, in Norwegen mit einer fremden Person zu sprechen. So hat der scheue Norweger vorsichtshalber immer Musik-Ohrstöpsel montiert, wenn er sich in der Stadt oder den ÖV befindet – egal ob ihn diese mit Musik beschallen oder nicht. «So kann man immer so tun als ob man nichts hören würde, falls einem einmal eine komische, fremde Person anspricht», wurde ich aufgeklärt. Falls man es als Fremder aber mal in eine Gang von Norwegern geschafft hat, darf man sich nicht nur «von und zu» nennen, man findet auch heraus, das die kühlen Wikinger in der Regel so was von saulustige und absolut freundliche Zeitgenossen sind.

Gestern beim Abendessen wurde ich dann über das flache, Land mit der wohl schrägsten Sprache Europas aufgeklärt: Finnland. Ein halbes Jahr leben die armen Finnen in der Dunkelheit. Kein Wunder ist nicht nur ihre Sprache etwas seltsam (in einem lieblichen Sinne gemeint) – der Finne, in der Regel immer etwas melancholisch-depressiv, taut aber ziemlich schnell auf, wenn er in die Sonne gestellt wird. Und ja, jeder Finne hat eine Sauna zur Verfügung. In den neueren Wohnungen, und sei die noch so klein, hat jeder seine eigene Sauna. Und für jene die in älteren Bauten wohnen steht eine Gemeinschaftssauna im Haus bereit. Und da sie ja wie gesagt etwas melancholisch-depressiv angehaucht sind, stehen sie auch etwas auf Leiden. Den Finnen reicht schwitzen in der Sauna deshalb nicht aus, nein, sie peitschen sich dabei gerne mit Ästen. Das kann zu etwas seltsamen Situationen führen «wenn dein Schwiegervater nackt und schwitzend vor dir steht und dich bittet, ihm doch bitte etwas den Hintern zu versohlen», berichtete der eine Finne.

Dafür sind die Schweden meist sehr gemütliche Weggenossen, die ziemlich durch nichts aus der Ruhe gebracht werden können. Einfach nett, ruhig und nicht speziell auffallend (ausser der eine oder die andere aufgrund ihrer äusserlichen ebenfalls sehr netten Erscheinung). Ob es daran liegt, dass sie durch den exzessiven Snus-Konsum (sprich snüüs, ist das nicht süüüüsss?!?!) immer leicht selig sediert sind. Oder ob es am kollektiv meditativen Ikeamöbel-Zusammenschrauben liegt, ich habe es noch nicht herausgefunden. Ich werde hinsichtlich diesem Stereotyp jedoch weitere Ermittlungen anstellen.

Irgendwie sind mir die Nordländer mit ihren Eigenheiten ziemlich sympathisch. Viel lieber als die Bewohner der anglosächsischen Länder, die im ersten Moment wahnsinnig freundlich sind um ja keine Gefühle zu verletzen und dann ständig Ausreden suchen, anstatt dir ins Gesicht zu sagen, welches Problem sie mit dir haben. Gib nicht vor mein Freund zu sein, wenn du hinter meinem Rücken über mich herziehst! Eine Eigenschaft, mit der ich einfach nicht wirklich klar komme.

Dann lieber die Direktheit der Deutschen. Immer wieder herrlich finde ich die Tatsache, dass «ze Tschörmens» im Ausland 300 Meter gegen den Wind zu erkennen sind. Und das nicht nur aufgrund der Kombination Jesuslatschen und weisse Sportsocken. Pünktlich um neun Uhr, stand einer dieser Spezie gestern morgen vor dem Supermarkt um Frühstücksbrötchen zu holen. Nur leider nehmen es die Spanier, wie schon einmal erwähnt nicht sooo genau mit diesen Öffnungszeiten. Alle zwei Minuten starrte er auf seine Uhr und als die Supermarkt-Dame um viertel nach langsam daher getrottet kam, verwandelte sich das Tigern in ein Schnauben. Dieses verstärkte sich, als es weitere 10 Minuten dauerte bis die Kasse lief. Langsam integriert, nutzte ich die Zeit in spanischer Manier und plauderte mit der Supermarkt-Dame. Nicht so «ze Tschörmen» hinter mir. Das Schnauben wurde immer regelmässiger, das Tigern wurde hinzugefügt und ab und zu fiel ein «unglaublisch». So ein spanischer Supermarkt kann einen deutschen Urlaubsplan schon ziemlich aus der Bahn bringen. Gelernt hat er nichts, denn heute morgen wiederholte sich das Szenario erneut… 🙂

Typisch Deutsch, Schweizer, Schweden, Ami, was auch immer… so individuell wir alle auch sein wollen, etwas von unseren landestypischen Eigenheiten haben wir alle. Und das ist auch gut so. Und je mehr man von der Welt und den Eigenheiten anderer Landsleute kennenlernt umso mehr Verständnis kann man für einander aufbringen.

Werbeanzeigen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s