Guten Tag liebe Wirklichkeit

Alles was ich mir vorgenommen habe, diese Ferien nicht zu tun, habe ich in der ersten Woche gemacht. Es sollte ein Bike-Roadtrip werden. Erst in England, dann rund um die Schweiz. Wegen fehlendem fahrbaren Bus und lediglich leeren Versprechungen wurde aus dem Vorhaben ein Aufenthalt in der Schweiz – mit einem grossen Bogen ums Engadin. Denn das schlaue Mädchen, dass in Bubion noch ein funktionierendes Hirn hatte, wusste, dass es nicht gut wäre, auf ihr altes Leben zu treffen. Es wollte auch die Finger von sämtlichen Tätigkeiten lassen, abgesehen von Fahrradfahren, die es vor ihrer Abreise jeweils zu tun pflegte. Und es wollte vor allem nichts über Chris wissen und was er neuerdings zu tun pflegt. Soweit der Plan. Und was wissen wir nun über Pläne? Genau, sie sind immer für die Katz.

 

So habe ich die erste Woche natürlich im Engadin verbracht. Ob es Hoffnung war, dass sich Chris in der Zwischenzeit umentschieden hat oder es tun würde, wenn er mich wieder sieht? Ob es aus rein masochistischen Zügen passierte oder aus Sehnsucht, ein Stück vom alten Leben wieder zurück zu haben? Ich glaube eher, es war ein Test. Halte ich es aus? Bin ich drüber hinweg?

 

Nein, bin ich nicht. Nicht im Geringsten. Ich musste feststellen, dass ich seit März, als der ganze Scheiss begann, im meiner Bubble-Blase gelebt habe. Ich habe gar nicht realisiert, was wirklich passiert ist, was das alles heisst. Ich war wie im Urlaub, im Scheinglauben, dass ich zurückkomme und alles nur ein böser Traum war. Dass ich aufwache, die Augen öffne und alles wieder so ist wie es war. War es aber nicht. Guten Tag liebe Wirklichkeit! Denn aus dem herzlichen und nahestehenden Chris den ich noch vom Abschied in Erinnerung hatte, ist ein distanzierter, fremder Mann geworden. Und meine Bubble-Blase platzte plötzlich – ich wachte auf und prallte endlich auf den Boden. In meinem allerersten Blog-Eintrag schreibe ich von Kartenhaus, das eingestürzt war. Nein, es ist nicht einfach so eingestürzt, es wurde von Chris mit voller Absicht zertreten – reingekickt und darauf rum getrampelt. Wie als er als kleiner Junge seinen Lampion mit voller Wucht auf den Boden schmetterte um ihn zu zerstören, zerstörte er mein so sorgfältig aufgebautes fragiles Konstrukt namens Leben.

 

Das zu realisieren tut zwar weh, unsäglich weh, aber braucht es um Abschied zu nehmen. Ich wollte nichts wissen über ihn, was er tut, wen er trifft. Ich wollte ihn in guter Erinnerung behalten. So, wie als er mich Ende Mai zum Flughafen brachte. Als mein Chrigi, der mich fest umarmte, als meine dicken Tränen zum Abschied in sein weisses T-Shirt flossen. Ein letztes positives Bild von ihm bevor alles endete. Genau so wie ich alle Menschen, die ich liebte, in Erinnerung habe bevor sie starben. An ihren Beerdigungen war ich nie. Diese Woche war meine erste «Beerdigung» – jene meines alten Lebens. Diese Woche konnte ich endlich die hässliche tote Fratze sehen. Und aus der Hoffnung, der Mensch könnte irgendwann wieder einmal vor deiner Türe stehen wurde endlich richtige Gewissheit. Ich habe es endlich zum ersten Mal mit eigenen Augen gesehen und weiss: Nein, er ist «gestorben», es ist vorbei, er kommt nie mehr zurück.

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